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Die letzte Reise

Die Uhr zeigt drei Minuten nach Mitternacht. Soeben schaltet sich die Lampe durch den Impuls der Zeitschaltuhr im Wohnzimmer aus. Einzig die Flamme einer Kerze flackert vor meinem Fenster. Draussen. In der kühlen Winternacht.

 

Eigentlich wollte ich meinen Schlafplatz wechseln, vom Sofa in Richtung Bett. Nach 23 Uhr erwache ich, sinniere über das verpasste Ende der letzten Folge von Auf und davon, der Auswanderer-Serie im Schweizer Fernsehen. Gleichzeitig hält mich die Erinnerung an den 9. Februar 2009 wach. Vaters Todestag, der sich heute zum elften Mal jährt. Er litt unter dem myelodisplatischen Syndrom, MDS. In der Endphase folgte eine akute Leukämie. Als Langzeitpatient besass er mit dieser Diagnose schlechte Karten.

Ungern erinnere ich mich an seinen letzten Spitaleintritt. Papi, geschwächt von seiner Krankheit, Mutter und ich sassen an diesem fünften Tag des Februars 2009 zu dritt im Wartebereich des Blutspendezentrums. Durch seine Behandlungen mit Chemotherapien und vielen Transfusionen war Vater ein häufiger Besucher. Sein Eintritt erfolgte über die onkologische Abteilung des Blutspenderzentrums. Denn als Langzeitpatient kannte Vater den Klimbim und das Defilee der Weisskittel beim Eintritt über den Notfallbereich zur Genüge.

 

Wenn Weisskittel defilieren, bleibt manchmal das Einfühlungsvermögen auf der Strecke

Mich störte die unzimperliche Kommunikation des behandelnden Arztes. Abgestumpfte Formulierungen, fehlendes Einfühlungsvermögen schlugen uns entgegen. Als sich der Arzt zeigte und uns unmissverständlich erklärte, Vaters Ende sei sehr nah. An den genauen Wortlaut des Arztes erinnere ich mich nicht mehr. Dafür an den Schock, der sich in Wut umwandelte über die fehlende Empathie des Arztes. Und mein Bedürfnis, dieses Geschehnis mit dem ehemaligen Vorgesetzten von Mutter zu anzusprechen.

Denn Mutter war vor Papis Krankheit als Hilfslaborantin für die Verarbeitung der Blutkonserven im Blutspendezentrum Aarau tätig. Einer ihrer damaligen Chefs, stand später öfters im Spitalzimmer. Auch er kannte den Verlauf, die Blutwerte von Vaters Krankheit. Das Gespräch fand später statt. Ein paar Wochen nach Papis Stillwerden. Der Chefarzt, ein Fasnächtler vom Rheinknie hörte mir zu. Zeigte Verständnis.

 

Elf Jahre später denke ich an die Wochen, Monate der Trauerverarbeitung zurück. Anleitungen aus dem Internet, Regeln für die Trauer gibt es keine.  Schreiben hilft, so wie heute. Mein Verbrauch an Kerzen, Grablichtern stieg rapide an. Campino von den Toten Hosen musste oft sein Lied «Nur zu Besuch» singen, sei es auf meinem Weg zur Arbeit, bei Spaziergängen durch den Wald oder nach einem Besuch an Papis letzter Ruhestätte. Auch entwickelte ich ein Gefühl für Nähe zum Verstorbenen. Je nach Situation stelle ich mir vor, er sähe sich jetzt die Welt an. Wie auf seinen vielen Reisen, die er zu Lebzeiten unternahm. In der Schweiz, auf dem Vierwaldstätter-und Thunersee. Bei Zugfahrten auf dem Schienennetz. Und nach seiner letzten Reise fräst er sicher auf einer Wolke um die Welt.

Ich mache es ihm heute ähnlich. Ich setze mich in den Zug und fahre durch die Schweiz. Mit dem Lied von Udo Jürgens im Ohr. Das ist Dein Tag.

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