Genuss

Ein Streifzug im Wellness-Hotel

Ein herzliches Willkommen auf einem Streifzug der besonderen Art durch Wellnessoase und Hotel.


Die Schreiberin ist am Wellnessen. Sie hat im Hotel Bad Horn das Paket „herbstliche Verführung“ gebucht. Es beinhaltet 3 Übernachtungen mit Frühstücksbuffet, Halbpension und zwei Wellnessanwendungen. Floating und eine Meerschlammpackung.
Die Schreiberin lässt sich verführen. Zu bemerken gilt: Sie reist allein.
Wie gelingt es einer Heerschar von Köchen, Masseurinnen und Receptionistinnen, der Schreiberin ein unvergessliches Wellness-Erlebnis zu bieten?

Es ist eine Teamarbeit. Alle arbeiten Hand in Hand. Da wäre mal der Koch. Er zaubert jeden Abend beste Speisen auf den Teller. Seine Gehilfin Aphrodite gehört auch zum Team. Allerdings nicht jeden Abend. Wenn sie nicht beim Kochen hilft, spült sie das Geschirr.

Das Servicepersonal betreut den Gast während des ganzen Abends an seinem Tisch. Immer freundlich, mit Charme gepaart, um dem Gast einen Mehrwert zu verkaufen. Ein Kaffee zum Dessert vielleicht?

Das Zimmermädchen hat den Auftrag, den Gast im siebten Himmel schweben zu lassen. Für Wohlbehagen im Zimmer zu sorgen. Sie putzt das Bad, streicht die Bettwäsche glatt und jagt den Staub aus dem hintersten Winkel.

Die Receptionistin begrüsst und verabschiedet die Gäste. Hilft mit Rat und Tat weiter. Sie nimmt Reservationen entgegen, storniert Buchungen. Sie ist die Drehscheibe in jedem Hotel, der erste und letzte Kontakt für den Gast während seines Aufenthaltes.

Für Entspannung und Wellbeing sorgen die Masseurinnen in der Wellnessanlage. Sie sind die wahren Königin in einem Wellness-Hotel. Packen gestresste Menschen, vorher hübsch einbalsamiert in Plastikfolie, entspannen ihre Muskeln und Gelenke und schicken sie ins Reich der Träume. Ermöglichen Ihnen eine totale Wohlfühlatmosphäre.

Und da wäre noch der Pianist, der Freund der Aphrodite.
Er berührt mit seinem Spiel die Herzen der Gäste im Speisesaal beim Tirami sù. Die Gäste in der Bar kommen  später auch in den Genuss seiner Musik. Nippen dabei am Wodka Martini oder  am Drink mit dem prickelnden Namen “Sex on the beach” und knabbern Pistazienkerne.  Das Tun des Pianisten  und die Wirkung der Cocktails sind nicht zu unterschätzen. Richard Gere als Edward im Film „Pretty Woman“ liefert den Beweis. Als er zu später Stunde Klavier spielend, in der Bar vom Beverly Wilshire Hotel das Herz von Vivian, einer Prostituierten zu erobern versuchte. Die weibliche Hauptrolle im Film spielte Julia Roberts.

Und zu guter Letzt fehlt noch  die Bardame oder  Barkeeper. Er oder sie kümmern sich um die verlorenen Seelen, die dem Zauber des Pianisten nicht erliegen wollen.  Der Barkeeper hat also mehrere Funktionen zu erfüllen: Er ist Klagemauer und Hobbypsychologe mit der Lizenz zum Alkoholausschank.

Die Schreiberin sitzt in der Ruhelounge der Wellnessoase. Was sie in den nächsten Minuten erwartet, weiss sie nicht genau. Sie hat bereits eine halbe Stunde „Floating“ hinter sich. Floating funktioniert so: Frau liegt in einer runden Badewanne im extrem salzhaltigen Wasser. So ähnlich wie im Toten Meer. Sie spielt tote Frau. Sie darf sich entspannen und im Schein von zwei brennenden Kerzen regungslos im Wasser liegen. Die Stille geniessen, sich treiben lassen. Ein Nackenkissen minimiert das Einlaufen von Wasser in die Ohren.  Das Schweben auf dem Wasser soll zirka eine halbe Stunde dauern.

Das  Ziel während dieser Zeit wäre nichts  denken und hören. Sich nicht bewegen. Für die Schreiberin stellt dies eine Herausforderung dar. Sie ist geboren im Sternzeichen Widder, ein Feuerzeichen also.Aszendent „Ranggifüdle.“ Es ist übrigens auch ihr erstes Floating, es gilt eine möglichst bequeme Position zu finden. Bewegungen lassen sich somit nicht vermeiden. Sie  erzeugen kleine Wellen. So schwappt der Schreiberin hin und wieder ein Gutsch Wasser in die Ohren. Wer die körperlichen Masse der Schreiberin kennt, weiss um die Wellen, die entstehen. Für die restlichen Leser folgt die Erklärung: Es ist kein Tsunami. Höchstens ein kleiner Sturm im Wasserglas.
Nach dem Baden im salzhaltigen Wasser entsteht eine Pause von einer Stunde bis zur nächsten Anwendung. Mit Jack Reacher im Gepäck und einem reichhaltigen Angebot an Tee, Orangensaft, Äpfeln und Trockenfrüchten sitzt die Schreiberin in der Ruhelounge. Schlürft kalten Roiboos-Tee, kritzelt Buchstaben in ihr Notizheft. Eine Geschichte entsteht.
Die Zeit in der Ruhelounge verstreicht nur langsam. Hat die Minute dort 100 statt nur 60 Sekunden? Um 16.00 Uhr folgt die Erlösung: Die Schreiberin betritt mit der Masseurin den Behandlungsraum. Auf dem Programm steht die zweite Wellnessanwendung,
Es folgt eine Meerschlammpaggung. So klingt der österreichische Akzent der Masseurin. Das kann nur eine Wohltat sein.
Die Masseurin erklärt genau was in den nächsten Minuten passiert.
Im Behandlungsraum steht eine Liege, sie gleicht einem halbierten Raupenkokon. Es ist eine Art Badewanne. Wer jetzt glaubt, die Schreiberin badet in einer Badewanne gefüllt mit einer dunklen Brühe, irrt gewaltig. Die Liegefläche des halbierten Raupenkokons ist mit Plastik abgedeckt. Verständlich, es folgt in Kürze eine Kleckerei. Die Hautfarbe der Schreiberin verwandelt sich in den nächsten Minuten. Die Masseurin trägt nun eine olivgrüne, temperierte Masse auf. Von der Ferse bis zum Schulterblatt. Und anschliessend vom Rist bis zum Schlüsselbein.Die erogenen Zonen zwischen den Beinen sowie Brüste bleiben unberührt, also zartrosa.

Anschliessend hüllt die Masseurin ihr Kunstwerk locker in Plastikfolie, lebt ihre künstlerische Ader aus. Ist sie vielleicht ein heimliche Praktikantin von Christo, dem Verpackungskünstler. Und die Schreiberin? Sie fühlt sich wie ein Kopfsalat in der Folie im Gemüseregal der Migros. Die Unterlage, ein mit Luft gefülltes Polster, senkt sich anschliessend durch das kontrollierte Entweichen von Luft ab. Nun fühlt es sich an wie das Liegen auf einem Wasserbett. Der Untergrund der Liegefläche ist gefüllt mit 37 Grad warmen Wasser.
Es ist wohlig warm und angenehm. Entspannung wäre angesagt. Doch das Bild oder die Szenerie haben Gemeinsamkeiten einer Leichenkonservierung im Orient. Die Schreiberin liegt wie eine ägyptische Mumie eingepackt in Plastikfolie, vorher hübsch einbalsamiert mit Meerschlamm im sargähnlichen Gefäss ohne Deckel. Ihre Gedanken überschlagen sich. Wie fühlt es sich an zu wissen, am Endpunkt des Lebens angekommen zu sein? Im Sarg zu liegen?           Was wäre zu spüren? Kälte, Wärme oder sogar Hitze? Trotz der warmen Unterlage durchfährt ein kalter Schauder den Körper der Schreiberin. Kurze Zeit  später fragt die Masseurin nach dem Befinden. Alles in Ordnung? Ja, alles okay. Die Sympathisantin von Christo mit österreichischem Akzent verlässt unmittelbar danach den Behandlungsraum wieder. Willkommen im Paradies. Oder in der Hölle?

Die Schreiberin entschliesst sich, die Masseurin nicht an ihren Gedankengängen teilhaben zu lassen. Sie  taucht nun ab ins Reich der Träume. Es gelingt  besser. Die wohlig warme Treibhausatmosphäre, untermalt mit Meditationsmusik lässt eine tiefe Entspannung zu.          Die Schwebeliege ist mit kleinen Lämpchen ausgestattet, die in wechselnden Farben leuchten. Nach 30 Minuten ist alles vorbei. Die Luft strömt wieder in die Unterlage der Schwebeliege.Die Schreiberin lässt sich aus der Mumifizierung befreien. Stellt sich unter den Wasserstrahl, duscht ausgiebig. In der Dusche färben sich die anthrazitfarbenen Bodenplatten aus Feinstein rotbraun vom Sand. Ähnlich wie beim Vulkangestein auf Lanzarote.
Zurück im Bademantel muss die Schreiberin ruhen und genügend trinken. Das Liegen auf der temperierten Unterlage bewirkte ein Nachschwitzen. Die Ruhepause ermöglicht nun  einen Wechsel des Blickwinkels, vom Wellnesstempel ins Restaurant. Gesucht ist die Seele des Restaurants, die Küche. Der küchenfertige Fisch, vielleicht ein Wolfsbarsch, lässt sich auf verschiedene Arten zubereiten. Durch Würzen und Beträufeln mit Zitronensaft. Der Koch und die Aphrodite entscheiden sich aber für den Salzmantel. Dieser entsteht durch das Vermischen von 1dl Wasser, 3 Eiweiss und 2.5 kg Meersalz. Vor dem Bedecken mit der Salzmasse ist der Bauch des Wolfsbarschs mit Rosmarin zu füllen.

Die sargähnliche Schwebeliege wäre zu gross für den normalen Haushaltsbackofen. Ein normales Backblech mit Alufolie belegt reicht. Und ein Wolfsbarsch an Meerschlammsauce hat im Holzsarg eines Bestatters oder als Mumie im Sarkophag nichts verloren. Sein Weg führt in diesem Fall direkt in die Kehrrichtverbrennung. Die Asche lässt sich deshalb nicht über dem Atlantik verstreuen.

Es ist also entscheidend, den korrekten Ablauf einzuhalten, die Menüs nicht zu kombinieren oder zu verwechseln. Auch eine Schreiberin im Salzmantel ist nicht schmackhaft und als Mumie im Sarkophag möchte sie noch nicht enden. Sie erfreut sich statt dessen am irdischen Genuss von Karottensuppe mit Ingwer, Herbstsalat mit warmen Pilzen und Zander auf Kartoffelstock.
Diese Menüs wären ein Garant für Gault Millaut Punkte. Guten Appetit. Au revoir, loup de mer au vase.

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